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Aktion & Reaktion

Zu Besuch beim Demokratiefest in Neubrandenburg

Am Morgen des 1. Mai 2011 fand in Neubrandenburg das 2. Demokranzfest, Verzeihung, Demokratiefest statt. Couragierte Mitarbeiter des Netzwerkes für Tolerie und Demokranz trafen pünktlich um 9:30 Uhr am Rathaus ein, um ihrerseits am geplanten Demonstrationszug teilzunehmen und sich für die Weihen der bundesrepublikanischen Toleranz zu qualifizieren.

Vor Ort traf man auf viele alte Bekannte. Unter anderem beteiligten sich alteingesessene Aktivisten der MLPD und der Linkspartei, welche „agiler“ hätten nicht sein können. Einigen Genossen hätte man es ohne weiteres zugetraut, daß sie Marx und Lenin noch persönlich kennengelernt hätten. Bevor der Demonstrationszug aber begann, mußten dringende Formalitäten erledigt werden und die Personalien dreier Netzwerker aufgenommen werden. Allen übrigen Aktivisten wurde durch den Veranstaltungsleiter Michael Hinzer (Die Linke) und den zuständigen Einsatzleiter der Polizei Detlef Zinter ein Platzverweis für den Marktplatz ausgesprochen.

Verwundert über dieses offensichtliche Amtsversehen wechselte man nun zum demokratischen Demonstrationszug über, bis auch dort mangelnde Ambiguitätstoleranz zu einem Verweis der Gruppe führte. Genosse Hinzer begründete dies damit, daß dies ein Demokratiefest sei und rechte Gruppierungen nicht erwünscht seien. Diese Aussage widerspricht aber vollends dem offiziellen Text der auf der Webseite der Stadt Neubrandenburg. Dort heißt es nämlich:

Im Mittelpunkt steht der Demokratiegedanke. Wo ist so ein Gedanke besser zu erleben, als bei einem gemeinsamen Demokratiefest mit Menschen unterschiedlicher Ansichten, Herkunft, unterschiedlichen Alters und anderer Lebenserfahrungen? Äußern Sie Ihre Gedanken zum Tag mal anders…

Allerdings sorgte bereits die bloße Anwesenheit der friedlichen Netzwerker, die geruhsam vorm Rathaus auf den Beginn des Demonstrationszuges warteten, für schweres Kopfzerbrechen und hysterische Krisensitzungen bei den demokratischen Vorbildern. Oder war man bei der Interpretation der öffentlichen Einladung gar einer folgenschweren Verwechslung aufgesessen?
Kurzerhand entschlossen sich die Mitstreiter des Netzwerkes für Tolerie und Demokranz, durch das Verteilen von Flugblättern rund um den Marktplatz, auf die eigenen Ansichten aufmerksam zu machen. Flugblätter wurden hinter die Scheibenwischer der Autos geklemmt und auch persönlich an zahlreiche Passanten verteilt. Das ganze wurde argwöhnisch von der Polizei beobachtet, die in dieser Situation sichtlich überfordert wirkte.

Nachdem in der gesamten Innenstadt einige Hundert Flugblätter an den Mann und die Frau gebracht werden konnten, wollten eifrige Polizisten noch einmal Strenge beweisen. Mit Nachdruck wurde das weitere Verteilen der Flugblätter untersagt, obwohl man auch auf Nachfragen keine näheren Gründe nennen konnte. Einsatzleiter Detlef Zinter beschlagnahmte schließlich persönlich ganze zwei Flugblätter, um sich eines selbst durchzulesen und eines zur Überprüfung weiterzugeben.

Mit dem sinngemäßen Satz: „Ich habe heute nicht die richtige Brille auf“, versuchte er seine Unfähigkeit zu entschuldigen, das Flugblatt richtig zu deuten, und so aus der selbst verschuldeten Bredouille zu entkommen. Sichtlich unwohl in seiner Haut, ordnete er anschließend die Aufnahme weiterer Personalien an; eine Bitte, die ihm gern erfüllt wurde.

Leider bewies auch dieser Tag wieder, daß in der Bundesrepublik Demokratie und die Toleranz keineswegs für bare Münze genommen werden können. Gutmenschliche Politiker scheuen jede kritische Argumentation und scheuen die verbale Konfrontation mit dem politischen Gegner. Ob dies Augst vorm eigenen Versagen ist, darüber darf sich jeder selbst seine Meinung bilden. Dringende Nachhilfestunden für die Offiziellen der Viertorestadt werden jedoch dringend angemahnt.

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